Von Stillstand und Veränderung

zoetnet / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)
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Nachdem meine im letzten Jahr mit großer Motivation begonnene Blogartikel-Reihe zum Stillstand gekommen ist und jetzt, wo die Welt gerade wegen der 'Corona-Krise' still steht unterbreche ich meine Schaffenspause mit einer Kurzgeschichte. Zuvor noch ein paar Anmerkungen:
Die Blogartikel-Reihe werde ich nicht weiter verfolgen. All jene, die darauf mit Spannung gewartet habe: Tut mir leid, aber mich hat  der Bock verlassen. Ich sehe zunehmend weniger Sinn darin- fast egal was- auszusenden. Die wenigen, die es wirklich erreicht, finden ohnehin den Weg zu mir, die, die es nicht erreicht, werden egal wieviele und egal welche Worte aus meinem Munde sowieso nicht erreichen und großartig verändern tut das alles ohnehin nicht. Veränderung kommt halt immer von innen, daran ändere natürlich auch ich nix. Und bevor ich weiterhin meine kostbare Freizeit mit dem Kampf gegen- manchmal auch für- Windmühlen verdaddel, geh ich inzwischen einfach lieber tauchen und genieße die innere und äußere Stille im tiefen, blauen Nass. Überdies hab ich auch den Eindruck, dass es ohnehin ne dumme Idee war, aus meiner Vorgehensweise eine Methode für Jedermann gießen zu wollen. Das tötet irgendwie genau das Besondere an dem Ansatz- und, mal ehrlich: es hat ja ohnehin kaum jemand wirklich mal im Alleingang ausprobiert, den Rückmeldungen zu Folge. Also, Haken dran.

Während der ganzen, für mich vergleichsweise schweigsamen Zeit, sprich dem scheinbaren Stillstand auf dieser Website und meinem YT-Kanal, verändert sich aber auch einiges. Allem voran meine Intention mit dieser Arbeit hier. Im Zuge dieses Wandels wird es auch für Euch da 'draußen' sicher irgendwann sichtbare Veränderungen geben. Unter anderem will ich meine Website komplett neu aufsetzen- werde aber diese hier auch beibehalten, als ne Art Archiv oder 'was bisher geschah'. Ihr müsst also jetzt nicht panisch Artikel copy/pasten und auf Euren Festplatten hamstern, keine Sorge!
Die neue Website wird komplett anders werden, da 'ich' inzwischen vieles anders sehe bzw. auch angehe. Und sie wird sehr wahrscheinlich weitaus weniger 'nachvollziehbar' sein. Ich weiß, es ist quasi eine Marketing-Sünde mit Thema x zu starten und auf einmal mit-vermeintlich- völlig andren Themen und Styles anzukommen. Da scheiß ich aber drauf, da weder das Püppi hier ein Marketingprodukt ist, noch das Leben, was sich dadurch ausdrückt oder irgendwas, was ich für relevant halte. Sprich: Wenn ich Bock habe Tauchvideos zu posten auf meinem YT Kanal, dann mach ich das einfach. Oder wenn ich mal ein Bild male und finde, das gehört auf meine Website- oderoderoder. Wer dadurch verwirrt oder abgeschreckt wird: sorry, not so sorry! Ich kann nur empfehlen: nehmt halt nicht alles so irre ernst/eng, versucht doch mal das 'Gesamtkunstwerk' zu sehen und seid experimentierfreudig! Hört auf so scheiße vorhersehbar, berechenbar und steuerbar zu sein- und hört auf, das von anderen zu erwarten! Seid das, was Ihr seid: Das Leben selbst! Die Leerstellen, die Brüche, die Risse- das sind die 'Nicht-Orte' an denen neues entsteht, wo es spannende Synergien, Begegnungen und vieles mehr gibt. Nicht der übliche 'standard Karriere oder sonstwas-Pfad' (dem zu Folge ich ja längst mal ein Buch mit Erwacht im Titel hätte schreiben und deshalb bei Mystica TV eingeladen werden müssen ;-) )
So, nun mach ich also ne komische Wendung und bringe nach fast einjährigem Stillstand ne Kurzgeschichte raus- und in der geht's sogar um Stillstand und Veränderung und um (Un)Berechenbarkeit und das Ausbrechen aus dme hektischen, langweiligen Alltag. Also irgendwie ganz passend, aktuell. Gut- aber hat das was mit Erwachen zu tun und wenn ja was? Eins sei verraten: die Geschichte, nebst der zündenden Idee dazu entstand ca. 3 Monate vor 'meinem' Erwachens-Big Bang (gefolgt von einigen weiteren Kurzgeschichten, nem Roman-Fragment und in der weiteren Folge auch sehr, sehr vielen Blogartikeln auf dieser website). Es war ein regelrechter Kreativ-Vulkan in mir ausgebrochen, von jetzt auf gleich, was ich durchaus dem Prozess zuschreiben würde, in dem ich mich damals befand. Ob und was die Geschichte, die jetzt folgt an und für sich mit Erwachen zu tun hat, überlasse ich Deiner Interpretation, geneigter Leser und wünsche gute Unterhaltung!

 

 

 

Der Tag an dem Eli stehen blieb

 

 

 

 

 

Der Wecker befand sich, wie immer, bereits seit etwa einer dreiviertel Stunde im „Schlummer“Modus.

 

In den fünf-minütigen Phasen der Stille, zwischen dem wirklich extrem alarmierenden Alarmton wälzte sich Eli schwerfällig unter ihrer Bettdecke hin und her und seufzte dazu auf eine Weise, die die Schwerfälligkeit des Wälzens perfekt unterstrich.

 

Übrigens- Eli bitte nur mit einem L, Eli wie Eleonore, nicht wie Ellenbogen! Das sagte sie immer, wenn sie sich jemandem vorstellte, was nicht allzu oft vorkam. Was definitiv noch niemals vorgekommen war, nicht einmal, als sie noch ein Kind war und diesen Spruch aufsagte, war, dass jemand über ihn gelacht hätte. Eli war ein ernster Mensch. So ernst, selbst wenn sie als Clown im Zirkus aufgetreten wäre und vorher dafür eine Clowns-Ausbildung gemacht hätte, hätte niemand über sie gelacht. Auch, wenn die besten Gag-Schreiber der Welt eine Comedy-Serie für sie geschrieben hätten und die besten Komiker und Regisseure mit ihr geprobt hätten- mit absoluter Sicherheit hätte niemals jemand über Eli gelacht. So ernst war sie- und so unscheinbar.

 

Als wollte sie ihre eigene Unscheinbarkeit noch unterstreichen, schlief sie immer komplett unter ihrer Decke, inklusive Kopf. So auch an diesem Morgen, der sich bisher anließ, wie alle Morgen unter der Woche, seitdem sie die Schule besucht hatte. Sie hasste es, früh aufzustehen. Eigentlich hasste sie es generell, aufzustehen. Genauer gesagt, hasste sie jedwede Art von Veränderung- ganz besonders, wenn diese irgendwie mit Bewegung einherging. Folgerichtig war die einzige Regung, die sie alle fünf Minuten beim extrem alarmierenden Ertönen des Alarmtons zeigte, ihre hagere Hand unter der Decke hervorschauen zu lassen, um nach dem Wecker zu tasten und sich dadurch weitere fünf Minuten schwerfälligen hin und her Wälzens zu verschaffen.

 

Um 7.45 Uhr, nachdem der Wecker eine volle Stunde sein ungemütliches Tagwerk verrichtet hatte, wurstelte sich Eli unter dem Deckenberg unter dem sie geschlafen hatte hervor, schaute auf die Uhr, fluchte leise vor sich hin und machte sich auf den Weg Richtung Badezimmer, durch den stockdunklen Flur.

 

Die Glühbirne im Flur war vor 7 Monaten und 13 Tagen kaputt gegangen. Eli wusste das ganz genau, da dieses Ereignis, so wie alle Veränderungen in ihrem Leben, gehörig an ihrem ohnehin sehr dünnen Nervenkostüm gezerrt hatte.

 

Überdies wusste sie ganz genau, dass sie sich nach exakt 3 Monaten und 2 Tagen an die Dunkelheit in ihrem Flur gewöhnt hatte- denn das war ein guter Tag für sie gewesen. Ganz besonders, weil sie sich vollkommen sicher sein konnte, dass sich, sofern sie keine neue Glühbirne anbrachte, an der Beleuchtungssituation (genauer: der Verdunklungssituation) so schnell nichts mehr ändern würde. Diese Erkenntnis hatte eine wunderbar befriedigende Wirkung auf sie. So befriedigend, dass sie an diesem Tag vor vier Monaten und elf Tagen, beschloss, ihn zu feiern. Die Feierlichkeit sah in Elis Fall so aus, dass sie sich zu ihrem Nachmittags-Kaffee im Büro an Stelle der Haferflocken-Kekse, die sie sonst immer aß ein Stück Schwarzwälder Kirsch Torte von der Konditorei am Ende der Straße gönnte.

 

Diese Unregelmäßigkeit in ihrem ansonsten sehr regelmäßigen Verhalten löste bei ihren Kollegen große Verwunderung bis hin zu Besorgnis aus. Sie begannen zu tuscheln und sich über den Büro-Internen Chat zu fragen, was denn los sei. Hatte Eli vielleicht Geburtstag? Wollte eine relativ neue Mitarbeiterin wissen. Nein, kann nicht sein, meinten mehrere Kollegen, die schon etwas länger dort arbeiteten- denn Eli hatte in all den Jahren keine Sahnetorte gegessen, nie- da waren sie sich sicher. Daher lag es auf der Hand, dass sie wohl generell ihren Geburtstag nicht feierte (was stimmte) und es höchstwahrscheinlich auch jetzt nicht tat (was, wie wir wissen, ebenfalls stimmte).

 

Der Nachmittag im Büro zog sich dahin und die Spekulationen über den Anlass für das ungewöhnliche Ereignis schlugen immer fantastischere Wellen- von Verlobung über Lottogewinn, Erbschaft, Beförderung und Banküberfall wurde alles denk- und undenkbare vorgeschlagen und wieder verworfen. Natürlich hätte sich auch einer der Kollegen einfach ein Herz fassen und sie fragen können, was es mit diesem Stück Torte auf sich hatte. Damit wäre aber das kurzweilige Spiel verdorben gewesen. Alle waren sich stillschweigend darüber einig, dass der wahre Grund für Elis „extravagantes“ Verhalten so viel langweiliger sein musste, als die fantasievollen Vermutungen, die sie darüber anstellten, dass es besser war, sie nicht zu fragen.

 

Nie zuvor und auch nie wieder danach war Eli das Gesprächsthema der Kollegen gewesen. Nur dieses eine Mal und selbst das blieb ihr verborgen. Vermutlich wäre es ihr aber auch egal gewesen, selbst wenn sie davon gewusst hätte. Eli machte sich nichts aus anderen Menschen. Eli machte sich auch nichts aus Tieren. Oder Pflanzen. Eli machte sich auch nichts aus sich selbst. Im Prinzip war Eli das Leben als solches völlig egal. Sie scherte sich weder um die Tagespolitik, noch um die Natur. Sie mochte keine Kinder und hatte keine Hobbies. Eli schlief gern- und sie hasste gern. Das war's auch schon.

 

Das kleine Alpenveilchen, dass sie vom damaligen Firmeninhaber zu ihrem 10-Jährigen Angestellten-Jubiläum bekommen hatte goss sie aus einer Mischung aus Pflichtgefühl und Langeweile. Es bedankte sich bei ihr, indem es nun schon seit 5 Jahren wuchs und von Zeit zu Zeit blühte- dabei gab es die Hoffnung nie auf, eines Tages außer Wasser und Flüssigdünger vielleicht doch noch ein Lächeln von Eli zu bekommen. Leider blieb diese Hoffnung unerfüllt. Denn, wie bereits erwähnt: Eli lächelte nicht. Nie.

 

Eli taperte also nun mit gewohnt unsicheren Schritten den dunklen Flur entlang und strich dabei ihre kurzen, wuscheligen Haare glatt. Im Bad erledigte sie ihre all-morgendliche Routine, die daraus bestand, Zähne putzend eine kurze, kalte Dusche zu nehmen und sich währenddessen ihres Morgenurins zu entledigen. Irgendwann hatte sie herausgefunden, dass sie so mindestens 5 Minuten und 30 Sekunden Zeitersparnis hatte, die sie in Form einer weiteren Schlummer-Runde im Bett sinnvoll anlegen konnte. Seither wurde an diesem Ablauf nichts mehr geändert.

 

Eine weitere Zeitersparnis ergab sich aus dem Umstand, dass sie sich ihre bewährte Bürokluft gleich in 5-facher Ausfertigung gekauft hatte. So musste sie morgens nie nachdenken, was sie anziehen sollte und hatte für jeden Arbeitstag eine frische Garnitur parat. Man könnte nun meinen, dass die Tatsache, dass sie immer, wirklich immer die gleichen Sachen im Büro trug dann doch so ungewöhnlich gewesen wäre, dass die Kollegen wenigstens darüber manchmal gesprochen hätten- aber nein! Eli war so dermaßen unscheinbar und ihre immer-gleiche Aufmachung betonte ihre Unscheinbarkeit noch in solcher Weise, dass sie tatsächlich unsichtbar zu sein schien. Und das war schon immer so gewesen, auch schon während ihrer Kindheit. Sie wurde damals nicht einmal wegen ihrer Ernsthaftigkeit und Unscheinbarkeit gehänselt. Sie war so unscheinbar, dass ihre Unscheinbarkeit nicht mal den gemeinsten Kindern aufgefallen wäre, um sie vielleicht mit einem Namen wie „Geister-Eli“ oder schlimmerem zu versehen. Es war, als wäre Eli gar nicht da. Dass sie überhaupt jemals vorhanden gewesen war, fiel am meisten am Tag der Sahnetorten-Feierlichkeit auf- also an dem einzigen Tag in 15 Jahren Büroalltag, an dem sie eine klitzekleine Abweichung ihres üblichen Verhaltens zeigte. Nicht einmal ihr Verschwinden, von dem ich hier berichten möchte, fiel so auf, wie das Verspeisen des Stücks Sahnetorte vor 4 Monaten und elf Tagen.   

 

8 Minuten und 35 Sekunden nachdem Eli das Bad für ihre Morgenroutine betreten hatte saß sie bereits angezogen mit der üblichen Tasse schwarzen Tees an dem kleinen Bistro-Tischchen in ihrer winzigen Küche und knabberte an der Scheibe Toast mit Orangenmarmelade, die sie jeden morgen zum Frühstück aß. 5 Minuten später verließ sie ihre Wohnung, fuhr mit dem Fahrstuhl 9 ½ Stockwerke nach unten, wo er wie gewohnt steckenblieb. Sie brachte ihn durch eine komplizierte Abfolge aus bestimmten Tastenkombinationen, Flüchen und einem festen Tritt gegen seine elektronischen Eingeweide dazu, das letzte halbe Stockwerk ebenfalls zurückzulegen und verließ das Wohn-Silo, in dem sie wohnte, seitdem sie nach dem Schulabschluss in die Großstadt gezogen war. Das Wetter war wie meistens trüb und regnerisch. Seitdem sie hier lebte kannte sie alle nur denkbaren Formen von Niederschlag- Nieselregen, Graupelschauer, Sprühregen, Platzregen, Sommerregen, Gewitter, Hagel, Hochnebel, Tiefnebel, Landregen, Eisregen (nicht zu verwechseln mit dem gemeinhin bekannten Hagel!), Dauerregen, Schneeregen....- die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Es schien ein Naturgesetz zu sein, dass in dieser Stadt immer irgendeine Form von Wasser in irgendeinem Aggregats-Zustand von oben herab fiel. Viele der hier lebenden Menschen empfanden diese Tatsache als äußerst deprimierend. Eli hingegen verschaffte die Verlässlichkeit, mit der hier an etwa 350 Tagen im Jahr irgendetwas nasses vom Himmel fiel ein tiefes Wohlgefühl. Ja, unsere Eli hasste Veränderung und liebte die Gleichförmigkeit. Eigentlich ein Jammer, dass ihre ungewöhnliche Gewöhnlichkeit (oder gewöhnliche Ungewöhnlichkeit?) ob ihrer Unscheinbarkeit nie irgendjemandem auffiel- aber daran lässt sich nun wohl nichts mehr ändern.

 

 

Eli trat also aus dem Haus und ging zielstrebig den kurzen Trampelpfad entlang, der zwischen den vier im Karree gebauten Wohnblocks diagonal über die Grünfläche verlief und verschwand darauf im Eingang zur U-Bahn. Am Hauptbahnhof der verregneten Großstadt würde sie, wie immer in den Bus umsteigen, um die letzten beiden Stationen zu ihrer Arbeitsstelle zu fahren. Das war jedenfalls der Plan und überdies ihre Gewohnheit, seit rund 15 Jahren.

Niemand kann genau sagen, was dann in dem Moment auf dem Bahnhofsvorplatz eigentlich genau passierte - am wenigsten Eli selbst. Jedenfalls blieb sie auf einmal stehen. Mitten im Schritt stoppte sie- oder wurde gestoppt, genau lässt sich das, wie gesagt nicht sagen. Tatsache ist aber, sie hielt einfach an- zack.

Als wäre sie zu einem Schnappschuss oder Standbild oder zur buchstäblichen Salzsäule erstarrt, oder wie eine Uhr, die stehenbleibt, hielt Eli an. So abrupt, dass der Geschäftsmann, der es sehr eilig hatte und direkt hinter ihr lief fast in sie hinein gelaufen wäre. Er machte einen ruckartigen Schlenker aus der Hüfte heraus, bei dem er sich den Ischias-Nerv unwiderruflich fest einklemmte, weshalb er in der Folge seinen Geschäften nicht mehr nachkommen konnte und früh-berentet werden musste. Aber das alles wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht und beließ es daher bei einem verächtlichen Zischlaut, den er im Vorbeigehen in Richtung Eli zischte. Hätte er gewusst, wie viel Zeit er bald haben würde, hätte er ihr zu ihrem unerhörten Anhalten mitten im Wege sicherlich mehr zu sagen gehabt- aber so?! Dumm gelaufen, bzw. dumm stehen geblieben war Eli, aus Sicht des Geschäftsmannes.

Für Eli hingegen war das Stehenbleiben das Großartigste, was ihr in ihrem ganzen Leben passiert war- und auch das Großartigste, was ihr noch passieren würde- denn sie blieb einfach so weiterhin stehen. Es war, als hätte man einer Marionette die Fäden durchgeschnitten- oder die Batterien in einer elektrischen Puppe wären alle gegangen. Es kostete sie überhaupt keine Kraft, weiterhin so zu stehen. Sie hatte keinen Hunger, keinen Durst, sie wurde nicht des Stehens müde- sie fror auch nicht oder schwitzte. Sie stand dort fortan einfach nur da. Regungslos, unbeweglich. Tagein, tagaus.

 

Man könnte nun meinen, dass dieses, doch sehr ungewöhnliche Verhalten jemandem aufgefallen wäre. Aber es fiel niemandem auf. Der Strassenkehrer, der immer den Bahnhofsvorplatz säuberte bemerkte sie zwar, dachte aber, sie sei ein Kunstwerk, dass irgendein hochsubventionierter Künstler dort mit Erlaubnis der Stadt und der Bahnhofsverwaltung aufgestellt hatte. Manche Reisenden dachten, sie sei eine von diesen Strassen-Kleinkunst-Leuten, die sich stundenlang nicht rührten und warfen ihr manchmal ein paar Geldstücke vor die Füße. Ab und an setzte sich eine der Tauben vom Bahnhofsvorplatz auf sie, um zu rasten und die ruhige Ausstrahlung von ihr zu genießen. Hin und wieder machte jemand ein Foto von ihr und manchmal, aber doch eher selten, versuchten Kinder ihr irgendeine Bewegung zu entlocken. Zumeist wurden sie dann von einem Elternteil weggezogen und mit der Erläuterung, dass Eli gar kein echter Mensch sei, sondern nur eine täuschend menschenähnliche Skulptur von irgend so einem hochsubventionierten Künstler, der sie mit Erlaubnis der Stadt und der Bahnhofsverwaltung dort aufgestellt hatte. Oft fragte das betreffende Kind dann, was denn hochsubven-dingens sei. Was das entsprechende Elternteil darauf antwortete, hörte Eli aber nie, weil es auf dem Vorplatz meistens sehr laut war und das jeweilige Eltern-Kind-Gespann sich immer zu schnell von ihr entfernte.

 

An ihrer ehemaligen Arbeitsstelle, an der Eli seit jenem Tag nicht mehr erschienen war, wunderte sich erstaunlicherweise auch niemand über ihr Fernbleiben. Zunächst blieb es sogar für ein paar Tage völlig unbemerkt. Das mag einerseits daran gelegen haben, dass Eli so unscheinbar war- erschwerend kam jedoch noch hinzu, dass an jenem Morgen, als sie nicht zur Arbeit erschien, weil sie mit stehen bleiben beschäftigt war, die erneute Übernahme der Firma durch eine andere Firma bekannt gegeben wurde, in Zuge dessen es zu massiven Umstrukturierungen kam. Nicht nur ihr direkter Vorgesetzter wurde entlassen, auch 2/3 ihrer Kollegen. Wie hätte unter diesen dramatischen Umständen das Verschwinden/Fernbleiben/Stehenbleiben von Eli jemanden interessieren können? Aber fast wäre es vielleicht doch noch dazu gekommen, dass es jemandem aufgefallen wäre. Denn 27 Tage nachdem Eli für immer stehen geblieben war, ging ihr ehemaliger Vorgesetzter zum Bahnhof, um zu einem Vorstellungsgespräch, in eine andere, nicht weniger regenreiche Großstadt aufzubrechen, weil dort jemand aufgrund eines unweigerlich eingeklemmten Ischiasnervs arbeitsunfähig geworden war. Da er ein chronisch unpünktlicher Mensch war und wie immer sich viel zu spät auf den Weg gemacht hatte, er also fast seinen Zug verpasst hätte und es daher noch eiliger hatte, als der Geschäftsmann, der hinter Eli lief, als sie für immer stehen blieb, dachte er, als er an ihr vorbei eilte nur kurz: „Ulkig. Sieht fast aus wie Eli!“ Und hatte diesen Gedanken eine hundertstel Sekunde später schon wieder vergessen.

 

So blieb Eli stehen.

 

Das einzige Lebewesen von dem sie vermisst wurde, war das kleine Alpenveilchen auf dem Fenstersims ihrer winzig kleinen Küche. Bis die Wohnung vom Hauswart drei Monate nach diesem denkwürdigen Tag geöffnet wurde, war es leider verdurstet- oder es starb an gebrochenem Herzen- auch das weiß niemand so genau.

 

Eli steht dort noch immer. Ich werde auch nicht verraten, wo genau die Stadt liegt, damit sie nicht gestört wird. Nicht auszudenken, was das für ein Trubel wäre, wenn ein Reporter oder irgendwelche Forscher oder Ärzte herausfänden, dass die Statue/Straßenkünstlerin in Wahrheit ein echter Mensch ist, der einfach nur stehen blieb und es dabei beließ. Nein. So ist es besser für sie. Sie stört dort ja auch niemanden und nimmt auch nicht viel Platz weg. Und jetzt, wo sie sich wirklich gar nicht mehr bewegt und einfach nur noch still steht, kann sie den täglichen Trubel, die vielen Reisenden um sich herum und alle anderen Veränderungen wie z.B. den Wechsel der Jahreszeiten sogar ein bisschen genießen. Einmal im Jahr fahre ich in die große Stadt, um sie zu besuchen. Seit einigen Jahren habe ich mehr und mehr den Eindruck, dass sich ihre Mundwinkel sehr, sehr langsam und kaum merklich nach oben bewegen. Vielleicht noch ein bis zwei Jahrzehnte und sie lächelt! Ich hoffe, ich erlebe das noch...

 

 

 

 

 

 

 

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